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Wer Ganztagsschulen als neumodisches Zeug abtut, liegt falsch

Ein Beitrag von Sebastian Kölsch

Ganztagsschulen seien ideologisch motiviert, sagen manche. Ganztagsschulen nehmen den Kindern die Möglichkeit eigene Hobbys zu verfolgen, postulieren einige. Und wieder andere scheinen das Festhalten am Halbtag als letztes Überbleibsel der alten Bundesrepublik und eine Ablehnung einer wie auch immer gearteten holistischen Kinder-Indoktrination zu verstehen.

Ein Blick in die Geschichte zeigt allerdings, dass die Halbtagsschule, die heute in Baden-Württemberg als „normal“, gerne auch „klassisch“ gesehen wird, weder das eine noch das andere ist. In Wirklichkeit ist die Ganztagsschule das klassische Schulmodell, das in Baden-Württemberg erst nach dem 2. Weltkrieg aufgegeben wurde. Und interessanterweise waren die Begründungen für das Ganztagsmodell schon vor über 100 Jahren pädagogisch dort verortet, wie man auch heute für den rhythmisierten, gebundenen Ganztag argumentiert.

Forschungsgegenstand Schulmodell

Guido Seelmann-Eggebert war von 1996 bis 2012 Rektor an Wiesbadens „erster“ Ganztagsschule. Nach dem Eintritt in den Ruhestand machte er seinen Beruf und seine Berufung zum Gegenstand einer Dissertation, die er 2021 abschloss. Vor zwei Jahren erhielt er für seinen Einsatz rund um Ganztagsschulen das Bundesverdienstkreuz.

Seine Forschung beschäftigt sich dabei eingehend mit der Frage, welche Ursachen und Beweggründe „nach einer jahrhundertelangen Tradition einer ganztägigen Beschulung“ in Deutschland zur heute (noch) vorherrschenden Halbtagsschule geführt haben.

Neben seiner Promotion verfasste Seelmann-Eggebert auch einen Aufsatz über die spezifische Situation in Baden-Württemberg. Das Schulmodell der Halbtagsschule hat nämlich gerade bei uns im Land sogar noch später als in Rest-Deutschland Einzug gehalten, was heute kaum mehr bekannt ist.

Seelmann-Eggebert, selbst überzeugter Ganztagspädagoge, beschäftigte bei seiner historischen Forschung insbesondere die Frage, wieso Deutschland, anders als die meisten anderen Länder, auf Halbtagsschulen setzt, wann dieser Sonderweg einsetzte und warum es dazu so gut wie keine Forschung gibt. Bei seinen Nachforschungen traf er auf Lehrkräfte, die Eltern den Vorteil der Halbtagsschule mit zumindest fraghaften Methoden nahebrachten, oder wie Aussagen renommierter Mediziner wie Rudolf Virchow bewusst verfälschend interpretiert wurden. Fast schon belustigend ist die Feststellung, dass einst Eltern gegen die Einführung der Halbtagsschule waren – während vielen heute nachgesagt wird gegen die Einführung der Ganztagsschule zu sein.

Gymnasium versus Volksschule

Interessant an den Erkenntnissen des ehemaligen hessischen Schulleiters ist insbesondere die unterschiedliche Entwicklung in Gymnasien und Volksschulen sowie in den preußisch geprägten Teilen Deutschlands gegenüber den Gebieten des heutigen Baden-Württembergs und teilweise auch Bayern.

Während Gymnasien als Weiterentwicklung der alten Lateinschulen zunächst einer sehr kleinen, bürgerlichen, gebildeten Oberschicht vorbehalten waren und einen Stundenplan frei von jeglichen Zwängen haben konnten, waren Volks- schulen insbesondere im ländlichen Raum den Notwendigkeiten unterworfen, die bäuerliche Tätigkeiten in den Sommermonaten mit sich brachten. Im Gymnasium ganzjährig, in den Volksschulen außerhalb der Erntezeit war es aber grundsätzlich üblich, vormittags und nachmittags Unterricht zu haben – Seelmann-Egge- bert spricht von einem Zeitraum vom Mittelalter (für die höheren Schulen) bis weit ins 19. Jahrhundert hinein.

Erst in dessen Verlauf entwickelten sich Bestrebungen zur Halbtagsschule, ausgehend von norddeutschen, städtischen Gymnasien. Insbesondere die Lehrkräfte sollen hierbei treibende Kraft gewesen sein und auch bei den sukzessive folgenden Regionen und der Volksschule forderten sie, basierend auf schon etablierten Halbtagsschulen, gleiches Recht für alle und überredeten Eltern zum Halbtag.

Pädagogik versus Pragmatismus

Auch pädagogische Gedanken konnte der Autor bei seinen Nachforschungen entdecken: Im Jahr 1900 geißelte eine Fachzeitschrift fünf oder gar sechs Unterrichtsstunden am Stück am Vormittag als bar jeglicher pädagogischen Sinnhaftigkeit. Und bereits 1885 erschien der Aufsatz „Über gesunde und kranke Nerven“ von Richard von Krafft-Ebing. Der Psychiater beschrieb darin eindrücklich, dass ein Schüler, der vier Stun- den hintereinander „zu leisten“ habe, weniger leiste als bei der gleichmäßigen Verteilung auf Vor- und Nachmittag. Demgegenüber stand aber offenbar eine starke Lehrerlobby und eine schwache Administration. Um der zeitlichen Überfrachtung bei reinem Vormittagsunterricht Herr zu werden, kürzte man einfach die Unterrichtsstunde auf das heute noch geltende Maß von 45 Minuten. Bedenken wegen Qualitätseinbußen der Lehre wurden beiseite gewischt.

Krieg versus Frieden

Während des Ersten Weltkriegs war aus Mangel an Lehrpersonal der Halbtagsunterricht überall dort eingeführt worden, wo er nicht ohnehin schon vorherrschte. Und bereits in den Vorkriegsjahren hatte Kaiser Wilhelm als Fan der Halbtagsschule „sportliche, sowie militärische Aktivitäten für Gymnasiasten am Nachmittag“ eingefordert. In der Weimarer Republik war dann nur teilweise wieder auf das alte Modell gewechselt worden und Volksschulen ganz offiziell 1920 der Wechsel zur Halbtagsschule erlaubt worden. Im Nationalsozialismus war schließlich flächendeckend 1938 die Ganztagsschule verboten worden. Hitlerjugend und Bund Deutscher Mädel sollte die Jugend am Nachmittag beschäftigen, und nicht etwa Geometrie, klassische Literatur oder griechische Vokabeln.

Norden versus Süd(west)en

Sowohl beim Weg der Gymnasien, erst recht aber beim Weg der Volksschulen hin zum Halbtagsunterricht bildete Baden-Württemberg die größte Ausnahme. Auch Bayern hielt länger an den Ganztagsschulen fest, aber nirgendwo im heutigen Bundesgebiet waren Ganztagsschulen so lange verbreitet wie im Südwesten, wo sie auch nach dem Zweiten Weltkrieg an Volksschulen zunächst wieder vorherrschten.

Guido Seelmann-Eggebert vermutet, dass der Einfluss der katholischen Kirche im Süden und eine gesunde Skepsis gegenüber preußischen Neuerungen ihren Teil zu dieser Beharrlichkeit beitrugen.

Bis in die 60er Jahre hinein war Nachmittagsunterricht üblich – nicht nur aufgrund von Schichtunterricht in wegen Bombenschäden doppelt belegten Schulgebäuden. Aber das Kultusministerium hatte bereits im Februar 1960 die Devise ausgegeben, sich den anderen Ländern im Bundesgebiet anzugleichen.

Wenn also heute in Baden-Württemberg im Bundesvergleich am wenigsten Ganztagsschulen bestehen, so ist dies vielleicht auch darin begründet, dass hier die Halbtagsschule erst am kürzesten Bestand hat. Und das Schulsystem kann bekanntlich vieles, nur eines nicht: Schnelligkeit...

 

Quelle für diesen Artikel war insbesondere die Dissertation von Guido Seelmann-Eggebert: „Zur Entstehung der Halbtagsschule in Deutschland. Eine bildungspolitische und pädagogische Fehlentwicklung?“, Kassel 2021 sowie der Aufsatz desselben Autors: „Die Entwicklung zur Halbtagsschule auf dem Gebiet des heutigen Baden-Württembergs“, Die Ganztagsschule Heft 2019, S. 41–66.
URL der Dissertation: doi.org/ 10.17170/kobra-202103013383